Banner

Und sie lebt doch! Teil 1

Und sie lebt doch! Die verhornte Handballerseele brach sich letzte Woche in der Messengergruppe „Coronameister 2020‘“ bahn:

„Hatte gestern einen Tannenzapfen in der Hand. Sofort Harz an den Bratzn. Was für ein geiles Gefühl!“

Diese epischen Sätze brachten den Verfasser der folgenden Zeilen dazu einen visionären Einblick aufs erste Treffen der Drittn (Biertn) am 22. April 2023 zu geben: Nach drei Jahren handballloser Zeit.

Prolog:
Im April 2020, als noch kurz einmal Training war, sagte der Fahrradkrämer: „Und wenn deees Hamboi oiss vabodn is…dann dreff ma uns hoid nur noch in da Kabine zum Austausch aus den Ländern! Kiste Wirkungsgetränk neigschmissn, schee beim Güx zuaschaun, wia a se die Killerplauze eincremt, duschn, und nochad wieda hoam!“
Wie wurde er da noch verspottet „zwengs dera Dystopie“….aber wie würden wir uns heute darüber freuen das wieder erleben zu können!



„Heute Handball!“ hieß es in der Messengergruppe „Coronameister 2020“. „Alle kommen, die es ohne Zivi schaffen können, hihi!“

Das ehemals dynamische Duo (Mane; HowsAir) aus Allach hatte sich nach langer Zeit wieder auf den Weg ins Outback gemacht. Mal wieder den dreckigen Job erledigen, wie sie es nannten.
Als sie 3 Minuten vor Trainingsbeginn am Effner eintrafen stand da schon der Stoschi: „Hi! Habts ihr den Schlüssel? Is noch zu.“ Oh Mann. Nichts hatte sich geändert. Man konnte die Tür immer noch nicht mit einem QR-Code öffnen. Der Floh hatte 2021 den Schlüssel dem Nagler gegeben, der dem Hofschwänz und der hatte noch Pausenaufsicht.
Drinnen konnte man den Generalschlüssel liegen sehen: Eine Dose Harz in einer grindigen weißen Plastiktüte, die dann, wenn man mit einem echten Schlüssel aufgesperrt hatte, innen an die Hallentürklinke gehängt wurde. Durch deren Gewicht wurde die Klinke runtergedrückt und die Tür war so für alle weiteren Spieler offen. (Nur künstlerische Freiheit. Sowas gibt’s ja gar ned! - die Red.)
Also Jürgen anrufen. Der schickt mitm Uber den Schlüssel und schon sind die drei Streber in der Kabine.

3 Jahre nach dem letzten Training, sitzen wir endlich wieder beinand. Ehrlichkeit wird nach wie vor groß geschrieben; das war den Gefährten schon immer wichtig. „Hä Hausa! Dei Wampn is jetz aa scho zum Erasco-Kulturerbe ernannt wordn, oda? Dir passen ja nur noch Sachen ausm Kick-Outlet!“ hub der Stoschi an. Nichts, aber auch gar nichts, hatte sich nach so langer Zeit geändert. Er war daheim!

Nach und nach trafen die lang ersehnten Meister des handballerischen Konfekts ein.

Zunächst da Woife. Nonchalant, wie immer mit leichtem Nasal im Gang. Ein Gentelmanhandballer durch und durch: „Hey Warlords! Wissts ees no, wia ma die Hamboifüxe 2019 aus Scheyaarrrn wegghaut ham! Hinterher warn des entstellte Hyänen! Des war ja voll bobbsi! Oder Karlsfeld….oder Schwabkirchen…alles große Namen. You name it!“. Er war schlohweiß geworden. Wie der junge Fuchsberger. Und er sprach wie „Dee von da oidn Drittn“. Von früher halt. Zur Zeit wechselte er nur noch Windeln. Allerdings war er top in Form.
„Siehst ja ganz gut aus, WulfGangbang!“ „Ja, bin immer auf meinem Stepper. Meiner Frau gefällt das auch.“ Mane schaltete sich ein: „Des hob i aa dahoam. Hoasst aber bei mir Dreppnhaus“. Der Endfünfziger konnte sich einfach nicht mit Neuerungen identifizieren. Doch halt! Eine Veränderung gab es in seinem Leben: „I hoaß ob jetza Mofré. Des gibt mir so einen internationalen Touch. Kommt gut in der Rolladenbranche an. Plissé? Markisé? Mofré! Vastähst?“ hatte er dem HowsAir beim Einsteigen ins Auto eröffnet. So ein Lockdown zieht eben auch psychische Kollateralschäden nach sich, wie man im Verlaufe dieses Elaborats noch sehen wird.

Die Kabinentür schwang erneut auf und herein kam The Syberian Husky. „Ja Servolenkung Ulf, alter Grubenwolf! Wie isses dir ergangen in den letzten 3 Jahren? Du bist ja fast untergewichtig. Hattest du wieder Skorbut?“ „Zunächst war ich wieder in Sibirien auf einer Ölbohrinsel auf Montage. Untertage. Halbes Jahr nix mitgekriegt, dann Sputnik V in die Venen gekloppt. Hab mir jetzt ein Rudergerät gekooft. So als Brückenspocht quasi…is aber irgendwie nicht des selbe wie Handball… Zu viele unterschiedliche Bewegungen. Etwa so wie vor der Wende, als ich Balljunge beim Squash bei Empor Spreewald war.“
Der Mofré verließ den Raum „um ordentlich Wasser abzuschlagen“.

Eine neuer Kontrahent betrat den Raum: „Servas Purschn! Hob ich eich scho de Geschicht von Rosenheim dazählt? Oiso I hob amoi oane in Rosenheim kennaglernt mit soiche...“. Zeitgleich gingen die Hände der anwesenden Spieler nach oben. Das untrügerische Zeichen, dass jemand einen Strich für Dummheit kassiert hatte (Kost inzwischen einen Bitcoin!). Dieser jemand war Michl, der eingebildete Franke. Die Rosenheimgeschichte….eine Geschichte voller Missverständnisse. 1000 mal erzählt. Wie von einem Aufziehteddybären. Immer dann, wenn die Geschichte am Ende war, musste man an der Schnur vom Teddy ziehen, damit sie neu erzählt werden konnte. Niemand zog aber an der Schnur….nur er selber. Immer wieder und wieder. War halt sein bestes Erlebnis. 1992. Auch er war alt geworden.
„Erzähl lieber von der letzten Zeit. Wo warst? Was hast gmacht?“ „Okä. Jungs, ich war auf Kur in Bad Spencer! Da wurd ich zunäxt ausm Töpferkurs geworfen. Hatte mich im Ton vergriffen, HARHARHAR (lacht verrückt)! Gloana Witz! Aber echt jetz: Dort hab ich so ein Zwetschgenmanderl im Backgammon wegghaun, wia nix! Der is nimma aufgstandn und dann….“. Seit Jahren kümmerte sich niemand mehr um Michls Gewaltphantasien. Auf dem Spielfeld konnte man sie durch die Schiris noch in geregelte Bahnen lenken…und so mancher im Team war damals froh gewesen, dass er nicht gegen den Achzger-Berserker spielen musste.
Aber im realen Leben musste er in den letzten Jahren einiges erlebt haben. Es gab ja kein Ventil mehr bei dem Anerkennung, Lob, Verarsche, Männerschweiß, Klugscheissn und Pivo eng gedrängt auf 20 Quadratmetern anzutreffen waren. Nur hier in einer Handballkabine gab es das. Das psychosoziale Biotop, das nicht nur er so vermisst hatte. Er war wieder da, auch wenn er gar keine Sportsachen mehr hatte. „Mir basst nix mehr. Hab ois vabrennd. In meiner Feuerschale auf da Terrassn.“ Er trug nur noch wallende Gewänder die er sich von Wish, Zalando und Rotten.com schicken ließ. Aber er war wie die anderen gekommen, um die alten Haudegen wieder zu treffen und den Trashtalk zu pflegen.

Der Michl schmiss die Kabinentür zu, zufällig kurz bevor der Mane wieder das Pressluftstüberl betreten wollte. „Häää Michl! Als ich so jung war wie du, da hat man den Erwachsenen noch die Tür aufgehalten!“ „JA, aber Mane, mein großväterlicher Freund! Damals, als du jung warst, da gab es ja auch nur ZWEI Erwachsene auf der Welt.“ Bei so viel Wärme in der Begrüßung fielen sich die beiden Veteranen zum Wiedersehen gegenseitig in die Arme und den Wurfarm, erzählten sich die alten Anekdoten aus dem Falklandkrieg und waren sich auf eine besondere, nur ihnen verständliche Art, nahe.

Plötzlich hörte man vielfüßiges Turnschuhquietschen im Kabinengang. Mehrere Personen waren offensichtlich auf dem Weg ins Allerheiligste. „Sicher!“ rief eine Stimme. Und „Rein jetzt! Ich cover dich!“. Die Tür schwang auf und die drei von der Zankstelle betraten den Raum. Gyüge, Thätter und Reuss. Sofort brannte die Luft. „Ja doo schau her! Die feinen Herren aus der Check24Familie! E-Sport ist offensichtlich doch kein Sport, wie man eurer Statur so ansieht!“ „h417 h417 31nf4ch d13 fr3553, 5705ch1!“ argumentierte Güx (Lord Wurm) angemessen. „1mm3rh1n h48 1ch 831 7w17ch 1n2w15ch3n 798 f0110w3r! k4nn57 m1r m41 31n f4n5h1r7 83f10ck3n, du 4ff3nk0pf!“
Immerhin hatte Gyüge seine Angriffslust im Lockdown nicht eingebüßt. Allerdings sprach er nur noch in LEETSPEAK, einer Unterart des Urdu. Gamersprech. Nur sein Squadleader Benny (Paul Allen) und sein Medic Maddin (die Reuse) verstanden ihn noch. „Er freut sich hier zu sein.“ Übersetzte Benny. „Er kann es nur nicht so zeigen“.
Das war ja allen noch von früher bekannt. „1ch 81n 50 31n m0n60!“ presste Güüüge noch hervor, dann stürzte er zur Kabinentür hinaus, robbte zurück und steckte sich einen Babelfish ins Ohr. Nun konnten ihn wieder alle verstehen, was für alle nur bedingt ein Gewinn war: „Ich war früher ein Aimbot, ihr Camper! Ich brauch jetzt halt nur mehr downlodable premiumcontent! Dann gehz wieder! Mane! Du bist doch früher auch keinem Hack and Slay aus dem Weg gegangen! Ich sag nur Spranger! Deggendorf 2004! Der war für dich doch ne Hitbox! Boom! Headshot!“
„Verdammt, es fängt wieder an“ erklärte die Reuse. „Sein Zustand ist wirklich ein schmaler Spagat. Er wollte neulich seinen Namen tanzen, aber die Member aus dem Clan haben „Sky du Mont“ rausgelesen…das hat ihn um Lichtjahre zurückgeworfen.“ Sprachs und verabreichte ihm etwas Folsäure aus seinem Refluxcompensator.
Dann führte er den nun apathisch wirkenden „Company of Hero“ auf die Ersatzbank der Kabine. Er war im Lockdown tatsächlich seinen Call of Duty gefolgt. Kein schöner Anblick für die Umstehenden.

zum Archiv

Es sind zu diesem Bericht noch keine Kommentare vorhanden...

Kommentieren:

Name:
Text: